Der Patient hatte eine Kollision mit dem Aussenspiegel eines PKW mit hoher Geschwindigkeit. Die Wunde wurde in der Präklinik eines großen Münchener Klinikums genäht. Wir sollten eigentlich nur die Fäden entfernen. Aber die Wunde sah nicht gut aus. Also habe ich genauer hingesehen, ein kleines Loch unter einer Kruste sondiert und einen fast 1 cm langen übersehenen Plastiksplitter vorgefunden.

Leider sieht die Wunde immer noch nicht gut aus. Deshalb braucht der Patient ein Kernspin und vielleicht muss ich noch nachoperieren.

 

Wunden werden bei der Erstversorgung oft nur nachlässig angesehen. Einfach zunähen ist schlecht. Man sollte sich die Zeit nehmen und die Wunde gründlich inspizieren und reinigen.

 

 

Ein Krampfanfall als Nebenwirkung

Zungebiss bei epileptischem Anfall: Tage später ist die Zunge immer noch blau.

Zweimal schon hat die Patientin das Bewusstsein verloren. Jedesmal war ein Notarzt da.

Zurück blieben zwei unleserliche Protokolle.

Nach dem zweiten Vorfall kam die Patientin zu mir in die Praxis. Sie konnte sich an die Krampfanfälle nicht erinnern, wohl aber an die beiden Notärzte, die sie verdächtigten, eine Alkoholikerin zu sein.

Die Sache war ziemlich eindeutig: Bewusstseinsverlust, Krämpfe nach Angaben anwesender Zeugen und ein Zungenbiss.

 

Also suchten wir nach einer Ursache und wir wurden bei den eingenommenen Medikamenten fündig. Die Patientin nahm nämlich eine antidepressiv wirkende Substanz in hoher Dosierung ein. Dieses Medikament ist derzeit bei vielen Psychiatern in Mode.

Offenbar haben sowohl der Psychiater als auch die Notärzte die gefährliche Nebenwirkung nicht beachtet. Im Beipackzettel wird bei höherer Dosierung auf die häufige Gefahr von Krampfanfällen hingewiesen.

Auch die Oberlippe zeigt noch eine Bissverletzung. Wir (die Patientin und ich) haben uns notgedrungen dazu entschlossen, auf das Medikament zu verzichten.

 

Kommentar: Herbeigerufene Notärzte machen es sich manchmal zu leicht. Auf alle Fälle sollten zum Beispiel eingenommene Medikamente genau angesehen werden.

 

 

 

Marihuana: ein besonderes Medikament für einen besonderen Patienten

Der Patient wünschte Marihuana auf Rezept. Er habe im Internet recherchiert, dass das möglich sei. Er hat nämlich furchtbare Dauerschmerzen in Kopf und Nacken und er habe durch Zufall festgestellt, dass das Rauchen von Marihuana ihn von diesen Schmerzen befreie. Ich fragte erst die Details ab.

Man soll die Erfahrungen von Patienten mit ihrem Körper und ihrer Krankheit nie so einfach abtun, denn sie entwickeln sich oft zu Experten ihres Problems. Also erfuhr ich von neurologisch-psychiatrischen Vorbehandlungen und davon, dass sich diese Ärzte durchaus für einen Versuch mit der Rauschdroge aussprachen.

Der Patient dachte, ich könnte sofort ein Rezept ausstellen. Doch so einfach ist das nicht. Erst musste viel recherchiert werden. Eine Genehmigung der Bundesopiumstelle war erforderlich.

Ein Apothetker in Geisenfald, dem die Sache offenbar zu anstrengend und zu wenig lukrativ erschien, sprang ab. Eine neue Apotheke musste gefunden werden. Psychiatrische Gutachten waren nötig. Nach sechs Monaten waren alle Hindernisse überwunden.

Der Patient darf nun legal Marihuana einnehmen.

Er brachte auch gleich zwei Döschen, die die Apotheke in Holland bestellt hatte, mit in die Praxis.

Eines der beiden Präparate, das immerhin 18,5% vom berauschenden THC enthielt, erwies sich in Bezug auf die Schmerzen als wirkungslos. Die mit 7,5% THC wesentlich schwächere Zubereitung verringerte die Schmerzen wie gewünscht.

 

Kommentar: Cannabis ist eine uralte Heilpflanze. Bekannt sind krampflösende, schmerzlindernde, appetitsteigernde Effekte. Übelkeit und Erbrechen können gut mit Cannabis-Zubereitungen bekämpft werden.

Wirksam sind sehr viele Cannabinoide, nicht nur das berauschende THC.

Im System der Cannabis-Rezeptoren liegt ausserdem der Schlüssel zur Appetitregulierung und zur Gewichtsreduktion verborgen.


Zwei Aspekte möchte ich hervorheben:

Erstens, Ärzte sollten auf ihre Patienten hören und sie in ihren Vorstellungen ernst nehmen. Auch wenn der ursprügliche Wunsch des Patienten etwas verdächtig war, so gelang es doch, einen Weg zur Linderung seiner Schmerzen zu finden.

 

Zweitens ist die Erforschung der Cannabispflanze voranzutreiben. Hier steckt noch viel Potenzial.

 

 

 

 

 


Zu wenig Luft- oder zuviel? Die Hyperventilation

Das kommt oft vor: Die Patientin/der Patient klagt, über Atemnot. Es besteht eine große Unruhe, ein Hitze- oder Kältegefühl, ein Gefühl von Kribbeln in verschiedenen Körperteilen, ein Druck in der Brust oder auf der Brust und am Ende sehr schmerzhafte Muskelkrämpfe.

Hier liegt der Verdacht nahe, dass zuviel geatmet -hyperventiliert- wird.

 

Hyperventilation ist eine übermäßige Belüftung der Lungen. Dabei wird zuviel Kohlendioxid (CO2) abgeatmet. Dadurch wird das Blut entsäuert (alkalisiert), was dann zu zahlreichen als unangenehm empfundenen Störungen bis hin zu schweren Muskelkrämpfen führt. Gleichzeitig ziehen sich die Hirngefäße zusammen, so dass trotz des vermehrten Sauerstoffangebots im Blut ein Sauerstoffmangel im Gehirn entstehen kann.

Allerdings beendet sich dieser Zustand irgendwann von selbst. Es ist kaum möglich an einer reinen Hyperventilation zu sterben, dafür gibt es im medizinischen Schrifttum so gut wie keine Beispiele.

 

Dummerweise können auch organische Krankheiten des Herzens, der Lunge, des Gehirns sowie Vergiftungen zu einer Hyperventilation führen. Deshalb muss in einer solchen Situation der Patient untersucht werden: Herz, Lunge, Gehirn.

Danach kann man es mit Rückatmung in einen Beutel hinein versuchen, mit medikamentöser Beruhigung oder mit Atemkontrolle.

 

Dazu folgender Fall: Die Patientin hat tatsächlich eine strukturelle Herzerkrankung. Sie klagt über Atemnot. Deshalb wurde sie schon mehrfach vom Kardiologen und vom Lungenfacharzt untersucht. Beide konnten aber die Atemnot nicht hinreichend erklären und ihr auch nicht abhelfen.

Sie atmet schnell und sie ist unruhig, fast verzweifelt. Ob sie hyperventiliert?

Das können wir klären.

Mit einem Gerät kann man heute die Sauerstoffsättigung im Blut objektivieren. Im Fall dieser Patientin betrug sie 97%, war also hervorragend.

Also haben wir zusammen geatmet: einatmen, 8 Sekunden die Luft anhalten, 8 Sekunden durch die eng gestellten Lippen ausatmen. Dabei mit etwas Druck der Hände auf den Bauch alle Luft herauspressen. Dann wieder einatmen........

Dieses Vorgehen macht die Atmung sieben bis zehnmal langsamer. Die Sauerstoffsättigung stieg trotz der drastisch verlangsamten Atmung auf 100% an. Die Frau begann sich zu beruhigen und zu entspannen.

Tatsächlich ließ die Atemkontolle die Atemnot verschwinden.

Jetzt muss man nur durch mehrfache Übungseinheiten die vertiefte Atmung festigen.

 

 

 

 

 

Ein Wasserplatscher mit Folgen: ein Erysipel

Der Patient war mit seinen Kindern im Spaßbad. Dabei stürzte er aus ca. 2m Höhe auf die Wasseroberfläche. Das führte zu einem kleinen Bluterguss an der Pobacke.

Zwei Tage später begann die Stelle stark zu schmerzen. Sie zeigte eine flammende Rötung, die sich sich fast über die gesamte Gesäßhälfte ausbreitete.

Dazu kamen ein Krankheitsgefühl, leichtes Fieber und Schüttelfrost.

 

Am Sonntag im Notdienst war effektives Handeln gefragt.

Ein Erysipel, auch Wundrose oder Rotlauf genannt, ist nämlich eine lebensgefährliche Erkrankung. Hier sind Bakterien durch winzige Hautspalten eingedrungen und haben sich ausgebreitet. Wenn man nichts tut, so kann es zur allgemeinen Blutvergiftung, auch Sepsis genannt, kommen.

 

Für diese Fälle haben wir ein intravenös zu verabreichendes Antibiotikum, ein Cephalosporin in der Praxis. Bereits nach der ersten Infusion ging es dem Patienten wesentlich besser.

 

 

 

 

Eine große Beule am Kopf

Der Patient hatte schon seit Monaten, eventuell seit Jahren bemerkt, wie diese Beule an seinem Hinterkopf wuchs. Nun ist sie größer als eine Walnuss und die umgebende Haut ist gespannt und etwas gerötet. Dieser Sachverhalt deutet auf eine Infektion hin.

Also wird es Zeit, dass etwas unternommen wird.

 

Wir rasieren in der Umgebung die Haare ab. Dann wird mit einem kreisförmig um den Tumor herum eingespritzten örtlichem Betäubungsmittel der Schmerz ausgeschaltet.

 

Schon nach dem ersten Schnitt entleert sich reichlich Eiter. Trotzdem läßt sich der kugelige Tumor gut darstellen und schön herauspräparieren. Einerseits sollte man die Wunde wegen der Infektion nicht vernähen.

Andererseits bleibt nachder Entfernung des Tumors ein großes Loch in der Kopfhaut.

Die Lösung besteht in einer ganz lockeren einzelnen Naht, so dass das Wundsekret abfließen kann.

Das entfernte Gewebe wurde untersucht. Es war ein Atherom, auch Grützbeutel oder Talgzyste genannt. Die Wunde ist perfekt verheilt.

 

An Atheromen sollte nicht herumgedrückt werden. Wenn man im Internet die vielen Videos sieht, bei denen sich offensichtliche Pfuscher an Atheromen versuchen, dann könnte einem Arzt schon übel werden.

Gequetschte Atherome organisieren sich mit Bindegewebe. Sie vernarben. Danach sind sie nur schwer herauszuoperieren. Solche Eingriffe sind ein richtiges Gemetzel.

Ausserdem besteht die Gefahr, dass Keime ins umliegende Gewebe oder in die Blutbahn gedrückt werden. Die Folge wäre eine brandgefährliche Blutvergiftung.

Bleiben Atheromreste in der Wunde, dann bildet sich ein neues Atherom.

 

Also: Hände weg. Da braucht es einen korrekten Eingriff mit dem scharfen Skalpell.